Heinrich Mahler                    Zwölf Sonette für den verlassenen Bruderstamm

 

 

I. Zueignung

 

Ein geist’ger Kämpe, frisch und wohlerfahren,

Durchtrennt die Welt Du, Freund der Ünterdrückten,

Wo edle Völker ihre Schwerter zückten,

Verjagten der Tyrannen wilde Schaaren

 

Und sich den blutbespritzten Lorbeer pflücken,

Da konnte man, o Freund, auch Dich gewahren:

Du griffst beim Schmettern heller Kriegsfanfaren

Nach edlen Geisteswaffen, ruhmgeschmückten.

 

Als Tirailleur des Geistes brichst Du Bahnen,

Und unerschrocken stehst Du in den Breschen

Der Forts und der Redouten und der Fleschen.

 

O, hoff’s mit mir, die deutsche Trikolore

Auch sie wird einst verlieren ihre Flore - -

Und Schleswig-Holstein kennt die deutschen Fahnen.

 

 

II. Die deutsche Trikolore

 

Esging durch’s Land ein heilig Morgengrauen

Von neuen, goldnen, nie geahnten Tagen,

Es klopfte männlich auch das Herz dem Zagen,

Selbst Memmen saht Ihr kühnlich um sich schauen.

 

Aus deutschem Bruderlande, deutschen Gauen

Einst zugehörig, galt’s den Feind zu jagen.

Hei, welch’ ein männlich tapfer Schwerterschlagen! –

Saht Ihr des Reiches Säulen sich erbauen? –

 

Das war als noch die deutschen Fahnen wehten,

Als schwarz-roth-gold die heilige Parole

In allen Dörfern und in allen Städten.

 

Vorbei, vorbei! – Die Tage sind verschwunden –

O armes, gramerfülltes Herz, o hole

Dir süßen Trost bei den vergangnen Stunden.

 

 

III. Schleswigs Leue

 

Seht Ihr ihn dort gefesselt, Schleswigs Leuen,

Den stets so kühnen dort in Eisenbanden?

Den starken und den tapfern und getreuen?

 

Ihr saht ihn einst die alte Kraft erneuen

Als treu die Bruderstämme zu ihm standen, -

Ihr werdet roth, denn jene Tage schwanden,

Und doch wollt Ihr die Morgenröthe scheuen?

 

O Schmach, o tausendfält’ge Schmach ob Allen,

Die höhnisch ihr schwachen Schultern zucken

Wenn Sturmesglocken durch die Lüfte hallen.

 

Schmach Allen, die nicht murren und nicht mucken

Und die, wenn Männer ihre Fäuste balle,

Den Grimm, gleich schwachen Weibern, schnell verschlucken

 

 

IV. Eckernförde  a

 

S’war im April, die ersten Frühlingsboten

Sie kämpften noch mit Sturm und Wind und Wettern,

Und schwach nur tönte Nachtigallenschmettern,

Wenn sturmgemischte Regenwolken drohten.

 

Wie die Matrosen mürrisch aufwärts klettern!

Windstille ist’s. – Ein graues Feld der Todten

Dehnt sich das Meer. – Das Tau träg in den Schoten

Seht müßig Ihr die Schiffe, Meereslettern.

 

Sie möchten gern und können nicht vom Strande,

Wohl ahnen sie, daß Tod und daß Verderben

Bald drohen werden dort vom deutschen Lande,

 

Wo man zu rächen denkt die deutsche Schande. –

- Die Mannschaft träumt von einem bald’gen Sterben,

Von Blutesströmen, so die Wellen färben.

 

 

V. Eckernförde  b

 

Horch auf, mein Herz, horch auf das Donnerkrachen,

Vom Lande tönt’s, wie ein Gewittergrollen.

„Christian der Achte“ und die „Gefion“ zollen

Auch ihren Dank der Strandbatt’rie, der schwachen.

 

Hört, stolze Dänen, höret auf zu lachen,

Vernahmt den Knall Ihr nicht, den schrecklich vollen?

Seht Ihr nicht dort die Todeskugel rollen

Und zischend nah’n, gleich einem Lindwurmrachen?

 

Ein Todesrachen ist’s! – Die Erde zittert,

Vor diesem Donner ächzen selbst die Meere.

Das stolze Dänenschiff, es ist zersplittert,

 

Es ist verschwunden; rings nur Trümmerheere.

Als grause Nachen treiben blut’ge Leichen –

- Und von der Gefion sinkt das Dänenzeichen.

 

 

VI. Herzog Ernst  c

 

Versenkt in Schweigen und in tiefes Sinnen

Stand ich allein vor Koburgs stolzer Feste

Und sah’ erfreut die schönen Überreste

Aus jener Zeit des Rittersinn, des Minnen.

 

Und als ich aus dem Vorhof kam nach innen

Und fragte: Kastellan, wo ist das Beste

Hier oben wohl in Eurem Adlerneste?

Da sagte er: „Dort, unter jenen Zinnen,

 

Das Lutherzimmer, und im Erdgeschosse

Das Gallionsbild vom „Christian der Achte“,

Das Beste, lieber Herr, im ganzen Schlosse,

 

Fürwahr ein herrlich Zeichen, und es brachte

Sich’s unser hoher Herr aus Schleswig mit –

Der einz’ge Fürst, der für die Brüder stritt.“

 

 

VII. Die Düppler Schanzen

 

Es glänzt das Frühroth auf die Düppler Schanzen,

Manch’ bravem Herzen ward’s zum Abendrothe,

Denn nach des Schlachtengottes Machtgebote

Galt’s einen heil’gen Ehrentanz zu tanzen.

 

Zurück ihr feigen Memmen und ihr Schranzen,

Die ihr den Speichel leckt und küßt die Pfote,

Heut will der Mann von echtem Korn und Schrote

Mit Deutschland’s Feinden brechen deutsche Lanzen.

 

Und höher steigt die Sonne und beleuchtet

Ein graus Getümmel, ein verwegen Stürmen. –

Aus Jünglingsherzen und aus Männerherzen

 

Rinnt roth das Bluth das Schleswigs Erde feuchtet.

Ob Wall und Erde sich entgegentürmen:

Sieg! Sieg! so hallt’s durch Schlachtengraus und Schmerzen.

 

 

VIII. Der Danebrog

 

Sagt mir nur nicht ich schmähe Euer Zeichen,

Ich ehre immer und zu jeder Stunde

Ein Ehrenzeichen. Aber trübe Kunde

Mag wohl ein armes deutsches Herz beschleichen

 

Und stets von neuem Wermuthbecher reichen,

Von Neuem öffnen manch’ vernarbte Wunde,

Sieht es das weiße Kreuz auf rothem Grunde,

Dem unbesiegt wir dennoch mußten weichen.

 

Der Danebrog, er wich dem deutschen Aare,

Der siegreich ihn gefaßt mit scharfen Fängen,

Er wich und wankte vor dem wilden Drängen.

 

Da brachte man die schwarze Todtenbahre,

Die Sieger sollten als besiegt sich wähnen. –

- Was nütze da das Knirschen mit den Zähnen?!

 

 

IX. Op ewig ungedeelt

 

Was ohne Leben ist magst Du zerreißen

Und ruhig beide Theile liegen lassen,

was willenlos magst Du zusammenpassen

Und es, wie Eisenstücke, fest verschweißen.

 

Nie aber trennst Du die, so Brüder heißen,

Zusammen bringst Du nie, die wild sich hassen

Wie Feuerbrände und wie Wassermassen. –

Mag noch so schön der Fluß der Rede gleißen,

 

Und magst Du noch so schön die Zukunft malen,

Du trennst zwei Brüder nicht, die sich umschlingen.

Und wende Zwang und Folter an und Qualen;

 

Op ewig ungedeelt! hörst Du’s erklingen! –

O fülle nicht zu voll! Die stärksten Schalen

Sie könnten leicht zur Unzeit Dir zerspringen.

 

 

X. Das Leichentuch

 

Schon träumtest du Dich unter Freiheitsbäumen,

Das scharfe Schwert, wie siegreich ward’s geschwungen,

Wie grün der Lorbeer, der so heiß errungen, -

Es war ein selig, ein beglückend Träumen.

 

Da kamen sie den freien Leu zu zäumen,

Er wäre ja vielleicht zu weit gesprungen!

Die Kette paßte, seht es ist gelungen,

Er ist gefesselt, - mag er wüthend schäumen!

 

und wehrlos übergabt ihr ihn den Mannen,

Die eben siegreich er gejagt von dannen. –

So schall’s euch denn entgegen, feige Memmen,

 

Ihr habt verkauft, betrogen und verrathen!

O glaubt es, glaubt es, eure missethaten

Sie können doch den Freiheitsflug nicht hemmen!

 

 

XI. Die Hoffnung

 

Grau hängt es noch und trüb am Horizonte,

Die Sonne kann die Wolken nicht durchdringen,

Dem Genius der Freiheit sind die Schwingen

So kurz geschnitten als man immer konnte.

 

Und von der Nordsee bis zum Hellesponte

Darf man Moll nur von der Freiheit singen.

Wie Mancher büßt es noch in Eisenschlingen,

Daß er sich in der Freiheit Sonne sonnte.

 

Doch will mich nicht die süße Göttin fliehen:

Die Hoffnung, - und sie flüstert meinem Herzen:

Ob graue Wolken auch vorüberziehen

 

Die Sonne kommt nach Nacht und Graus und Schmerzen,

Und siegreich wird die deutsche Oriflamme

Einst flattern auch dem deutschen Bruderstamme

 

 

XII. Ein deutscher Gruß

 

Und nun Euch Brüdern dort im deutschen Norden

Ein deutscher Handschlag und ein treues Grüßen.

O hofft’s mit mir, bald ist vorbei das Büßen,

Das Jammerlied in trüben Schmerzakkorden.

 

Man will Euch, deutsche Brüder, geistig morden

Man tritt das Heiligste mit rohen Füßen –

Nichts könnte Euer Dasein Euch versüßen

Wenn Rachehoffnung nicht zum Trost geworden.

 

Schaut auf und vorwärts, Brüder, ohne Zagen,

Einst wird, einst muß der Tag der Freiheit tagen

Wo Sturmgeläut und Schlachtendonner hallen. –

 

Und, der ich diese Lieder sang, - im Streite

Werd’ ich Euich treulich stehen an der Seite.

- Bis dahin Händedruck und Gruß Euch Allen.